Donnerstag, 09. September 2010
 
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Die Wurzeln der City PDF Drucken

Der Bongard-Boulevard: Eine Zeitreise auf der Flaniermeile

 

Der Boulevard gehört zu den repräsentativsten Straßen der Bochumer Innenstadt. In einem schönen, modernen Gewand präsentiert er sich als erstklassige Visitenkarte für die City. Seit Beendigung der innerstädtischen Umbaumaßnahmen, die um die aktuelle Jahrtausendende durch den Bau einer weiteren U-Bahnstrecke notwendig geworden waren, entwickelt sich die etwa einen Kilometer lange Geschäftsstraße zu einer echten Flaniermeile. Der Boulevard ist aber nicht erst heutzutage ein Aushängeschild der City. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts spielte sich auf der Bongardstraße – wenn auch natürlich in kleinerem Rahmen – das Leben ab. Der Vorläufer des Bongard-Boulevards war Teil einer der wichtigsten Hauptstraßen des Landes und ist somit auch aus historischer Sicht eine Stätte von hoher Bedeutung. Nach einer Anordnung des Grafen Engelbert II führte ab dem Jahr 1351 der berühmte Westfälische Hellweg mitten durch die Stadt. Hellwege dienten als Königs-, Heer- und Handelsstraßen. Sie sicherte unter anderem die Nachschubwege in Kriegszeiten. An diesen Hauptstraßen siedelten Könige und Kaiser mehrere Reichshöfe an. Die Reichshöfe wurden von Grafen verwaltet und waren wichtige Anlaufpunkte. Schon seit Ende des 8. Jahrhunderts gab es auch in Bochum einen solchen Reichshof, um den sich bis 1351 über die Jahrhunderte hinweg weitere, kleinere Höfe angesiedelt hatten. In diesem Jahr erfolgte schließlich die direkte Anbindung des Hellwegs an die Innenstadt. Bis dahin führte er aus Altenbochum kommend südwestlich an der Stadt vorbei, wurde dann jedoch auf die heutige Bongardstraße umgeleitet.

 

Das Herzstück

Mehr als 650 Jahre später ist aus dem Dörfchen eine Großstadt geworden, und der Boulevard ist nach wie vor das Herzstück der City. Dabei hat es sich gelohnt, mehrere Jahre mit vielen Baustellen durchzustehen. Sie waren notwendig, um den U-Bahnbau in Bochum voranzutreiben. Die Stadt hat anschließend die Gelegenheit genutzt und sich auch über der Erde herausgeputzt. Teilweise wurde die Innenstadt während der Bauphasen auf eine echte Zerreisprobe gestellt. Doch das Stehvermögen zahlt sich nun aus. Es macht wieder Spaß, über den vom allgemeinen Straßenverkehr befreiten Boulevard – von der Massenbergstraße über Bongardstraße bis fast hin zum Rathaus - zu spazieren. Geradezu prädestiniert ist die neue Flaniermeile mit ihren Bänken und Bäumen als Standort für zahlreiche Feiern. Wenn hier die Bühnen und Stände für den Stoff- und Tuchmarkt, den Kidsday, den Floh- und Schnäppchenmarkt, den Bochumer Musiksommer, für Bochum kulinarisch oder die Bochumer Automeile aufgebaut werden oder der Weihnachtsmarkt öffnet, dann blüht die Innenstadt vollends auf. Oft gehen solche Veranstaltungen einher mit verlängerten Öffnungszeiten der anliegenden Geschäfte, die samstags auch mal bis 23 Uhr oder auch an verkaufsoffenen Sonntagen zum Shoppen einladen. Viele Institutionen und Geschäftsleute haben sich von der Aufbruchstimmung anstecken lassen. Die Interessengemeinschaft Boulevard Bochum ist hier ebenso engagiert wie zum Beispiel Drehscheibe / City-Point, das Ankerkaufhaus der Innenstadt. Entlang des Boulevards gibt es sogar noch einige alteingesessene Familienbetriebe wie das Bettenhaus Korten, das Modehaus Baltz oder das Schuhhaus Lötte. An der Ecke zur Bleichstraße steht das sehenswerte Haus der Gaststätte „Mutter Wittig“, die kürzlich ihren 100. Geburtstag feiern konnte. Die Historie der Firma Betten Korten reicht sogar bis in das Jahr 1876 zurück, als Ludwig-Karl-Robert-Arthur Korten und seine Gattin Wilhelmine in Wuppertal-Elberfeld ein Manufakturwarengeschäft eröffneten. In den Jahren 1870/1871 findet man die Wurzeln des Schuhauses Lötte. Sogar noch länger gibt es das Modehaus Baltz mit seinem mächtigen Gebäude. 1827 gründete Moritz Baltz das Unternehmen, das sich wie Betten Korten und die Firma Lötte bis heute in Familienbesitz befindet. Am Ort ist außerdem die Alte Apotheke 1691. Sie gilt als das älteste Bochumer Unternehmen. Im Stadtarchiv wird die Gründungsurkunde aus dem Jahr 1691 aufbewahrt. Zu ihren „Nachbarn“ gehört das Kuhhirtendenkmal. Es ist Fritz Kortebusch gewidmet, dem letzten Kuhhirten, der von 1850-1877 die Ziegen und Kühe der Bürger aus der Innenstadt auf die nahegelegene Vöde trieb; also auf die Wiese, die heute der Stadtpark ist.

 

Der Kern der Altstadt

Rund um das Kuhhirtendenkmal sind die Wurzeln der City. Denn die Altstadt lag mit ihrem Marktplatz im Bezirk rund um Beckstraße, Brückstraße, Gerberstraße und Untere Markstraße. Bochum war nie von einer Stadtmauer umgeben, doch ab Mitte des 14. Jahrhunderts wurde ein Wall mit insgesamt fünf Stadttoren zum Schutz errichtet: Buddenbergstor, Bongardstor, Hellwegstor, Brücktor und Becktor, heute aufgrund der Maischützentradition besser bekannt als Beckporte. Einige Straßennamen erinnern an ehemalige Höfe, die vor Jahrhunderten bedeutende Säulen der Stadt waren. Einer davon war der Bongardshof, der an der Ecke Bongardstraße/Kortumstraße stand. Ferner gab es den Weilenbrinkshof. Nach ihm ist eine kleine Querstraße nahe des Ostrings benannt. Selbstverständlich gab es darüber hinaus einen Hellwegshof. Zumindest einen kleinen Eindruck davon, wie es vor einigen hundert Jahren in Bochum ausgesehen haben muss, erhält man bei einem Gang über das Kopfsteinpflaster in der Großen Beckstraße. An der Ecke zur Brückstraße ist das Alte Brauhaus Rietkötter. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist damit das älteste Wohnhaus der Innenstadt. 1777 wurde das einstige Fachwerkhaus zum Schutze vor Feuer verputzt. Während die angegliederte Brauerei den Zweiten Weltkrieg nicht überstand, hat das Wirtshaus allen Widrigkeiten getrotzt und steht heute unter Denkmalschutz.

 

Die beiden ältesten Kirchen

Einen großen Namen hat das Gerberviertel mit der gleichnamigen Straße, der ältesten Straße Bochums. Hier war der Ursprung der Besiedlung. 50 Meter vom Kuhhirten entfernt, direkt gegenüber des Alten Brauhaus Rietkötter steht die mächtige Propsteikirche St. Peter und Paul mit ihrem heute 68 Meter hohen Turm. Die Kirche geht zurück bis in die Zeit von Kaiser Karl dem Großen (747-814), der vor etwa 1 200 Jahren schon für den Bau des Bochumer Reichshofes verantwortlich war. Neben dem Reichshof lag ein kleiner Hügel. Darauf ließ Karl der Große eine hölzerne Kapelle errichten. Später wurde die Propsteikirche durch eine erste steinerne Kirche ersetzt, die allerdings 1517 bei einem Stadtbrand vernichtet wurde. 30 Jahre danach war der Wiederaufbau beendet. Zwar überstand auch sie den Zweiten Weltkrieg nicht schadlos, doch das Erscheinungsbild aus dem 16. Jahrhundert hat sich aufgrund entsprechender Wiederaufbaumaßnahmen nicht sonderlich verändert. Und so thront sie noch heute in vollem Glanz auf dem kleinen Hügel. Die Kirche St. Peter und Paul wurde bis nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) von beiden Konfessionen besucht. Zwischen 1655 und 1659 wurde dann allerdings etwa 100 Meter weiter – auf der anderen Seite des Hellwegs – die protestantische Pauluskirche gebaut. Die zweitälteste Kirche in der Bochumer Innenstadt wurde am 12. Juni 1943 von Bomben bis auf die Mauern beschädigt. Beim Wiederaufbau, der 1950 abgeschlossen war, wurde der Naturstein belassen, so dass die Pauluskirche von außen her noch immer mittelalterlichen Charakter ausstrahlt.

 

Ralf Rudzynski

 
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